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"Brennende Geduld" fesselte 130 Theatergäste - Noch zwei Aufführungen

WWZ18082007Ein roter Teppich und ein Türsteher im schwarzen Anzug und mit Sonnenbrille erwecken den Eindruck, dass Hollywood-Stars im Kino Capitol ihren neuen Film vorstellen. Doch die Besucher erwartet ein Höhepunkt anderer Art.

MONTABAUR. Der Briefträger Mario Jiménez (gespielt von Frank Musekamp) rast auf seinem leise quietschenden Fahrrad hinter den Kulissen hervor und an der Bühne entlang. Das Montabaur Ensemble Theater, eine Arbeitsgruppe des Kulturwerkraums, bezieht den großen Kinosaal im Capitol Kino Montabaur auch weiter gekonnt in seine Inszenierung mit ein und kann sich nach der Premiere des Bühnenstückes "Brennende Geduld - Pablo Neruda und sein Briefträger" von Antonio Skármeta über lange anhaltenden Applaus freuen.

Wie bei den Proben bereits absehbar (die WZ berichtete), brillieren die Darsteller in der Geschichte um Freundschaft und Liebe kurz vor dem Militärputsch in Chile (1973): Ironisch und sympathisch begegnet der Schriftsteller Pablo Neruda (Thomas Müller-Brandes) dem neugierigen, ungeschickten und wenig zurückhaltenden Briefträger Mario, lässt sich von ihm sogar in dessen aufflammendes Liebesabenteuer mit Beatriz (überzeugend gespielt von Anna Hilfrich) verstricken. Das beschert ihm den Besuch von Beatriz' Mutter, der Witwe Rosa (Heike Lutter), nach einem Telefongespräch, das viele Sketchqualitäten aufweist. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, beschreibt Rosa dem Dichter - und dem heimlich lauschenden Mario - was passieren wird, wenn Nerudas Schützling weiter versucht, ihre minderjährige Tochter mit Nerudas Metaphern und Poesie zu verführen. Der wiederholte Zusammenprall der derben Sprache Rosas und den feingeistigen, höflichen Worten Nerudas lässt die meisten der etwa 130 Theatergäste amüsiert auflachen. Auch die freudige Aufregung des Briefträgers Mario über den ersten Brief, den er in seinem Leben erhält - von Neruda, der als Chiles Botschafter in Paris weilt - ist wunderbar gespielt und zaubert ein Schmunzeln auf die Gesichter vieler Zuschauer.

Leider trägt die Stimme von Beatriz, die sich mit Mario freut, auch in dieser Szene kaum bis in die hinteren Reihen. Das faszinierende Spiel der Darsteller aber ist dank der stufenweisen Sitzordnung im Kinosaal selbst von der obersten Reihe aus gut zu sehen. Eine der wenigen Umbaupausen zwischen den Szenen überbrückt Neruda, indem er einige Stufen in den Zuschauerraum tritt und sein Publikum direkt anspricht. Um andere Pausen zu füllen oder die Atmosphäre während des Stücks zu vertiefen, integrieren Regisseurin Natascha Retschy, Projektleiter Heike Lutter und Thomas Becker sowie Regieassistentin Arina Horre die Kinoleinwand in die Vorstellung. Die Videoprojektionen von Ferdinand Barth zeigen Meereswellen, Möwen, Ansichten von Paris und Santiago, eine Hand, die Briefzeilen schreibt. Die Kombination Kino und Theater ist so ausgefeilt, dass die vier Darsteller einem Film entstiegen sein könnten. Das Bühnenbild und einige Szenen bleiben symbolhaft, überfordern aber die Vorstellungskraft des Publikums nicht, das sich auch das umsichtig angedeutete, traurige Ende von "Brennender Geduld", einer Aufführung im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz, ausmalen kann. (pk)

Weitere Aufführungen an diesem Wochenende, 18. und 19. August, 20 Uhr, Capitol Kino, Montabaur, Eintrittspreis: 13 Euro, Vorverkauf: Buchhandlung am Rathaus in Montabaur, Telefon 02602/5333 oder auf www.kulturwerkraum.de


Westerwälder Zeitung vom 18.08.2007